Zorn und Morgenröte von Renée Ahdieh oder Denk nicht nach, es ist ein Märchen.

Zorn und Morgenröte (The Wrath and the Dawn, #1)

Worum es geht:

In der Stadt Ray regiert seit Kurzem der junge Kalif Chalid. Niemals als Herrscher erzogen und nur durch den Tod seines Bruders an den Thron gekommen, erzürnt er die Einwohner seiner Stadt, indem er seine Berater feuert und anfängt, jeden Tag ein neues Mädchen zur Heirat Zwangs zu verpflichten. Am nächsten Morgen bei Morgengrauen wird die Braut mit einer Seidenschnur aufgehängt

Nachdem Shiva, die beste Freundin von Shahrzard, eben so gestorben ist, meldet diese sich freiwillig, um den Kalifen zu heiraten. Sie möchte nachvollziehen, was genau mit Shiva passiert ist und wie sie den Kalifen töten kann. Doch es kommt anders; Chalid will heraus finden, warum sich jemand zu so einem Schicksal freiwillig melden würde, und lässt sie am Leben, bis er das Geheimnis gelüftet hat.

Und natürlich sind beide dann Seelenverwandte, die sich rettungslos ineinander verlieben, obwohl Shahrzard irgendwo anders einen Verlobten hat, der eifersüchtig ist und den Kalifen ebenfalls töten will. Ist klar, ne?


Meine Meinung:

Wie die Überschrift schon verrät, hat das ganze Buch nun wirklich keinen Sinn ergeben. Ich bin mir sicher, wenn man nicht darüber nachdenkt, was man da liest, dann kann man damit sehr viel Freude haben. Ich habe nachgedacht, und ich hatte keine Freude daran.

Und um meinen Standpunkt zu verdeutlichen, muss ich heftig spoilern. Ich werde das natürlich dick und fett markieren. Außerdem kann es sein, dass ich den Namen von Shahrzard falsch geschrieben habe, aber ich bin an einem Punkt, an dem mir das total egal ist.

Der Anfang war tatsächlich sehr vielversprechend. Es klingt sofort durch, dass Chalid andere Gründe hat, die ihn zu seinem Handeln zwingen, der Hass von Shahrzard kommt gut rüber, und vom Sprachbild war ich hin und weg. Gut, ich habe die ein oder andere Handlung nicht wirklich nachvollziehen können und dass Shahrzard überlebt war kein geschickter Schachzug ihrerseits, sondern pures Glück, aber über gelegentliche Zufälle kann ich hinweg sehen.


Spoiler.

Worüber ich nicht hinweg sehen kann, ist, dass sie immer und immer wieder überlebt. Immer aus einem Zufall heraus.

Sie überlebt den ersten Morgen, weil der Kalif gefallen an ihr findet? Sie ist die erste, mit der er nach der Hochzeit überhaupt spricht, anstatt sie einfach hinzurichten. Der Tee ist vergiftet? Die Sklavin verschüttet ihn aus Versehen. Sie wird gehängt? Chalid kommt und rettet sie in wortwörtlich der letzten Sekunde. Attentäter versuchen sie zu töten? Die Attentäter sind zu dumm zum atmen.

Was war das überhaupt mit denen? 8 Söldner gegen ein Mädchen und ihre Dienerin. Alle Wachen vor dem Zimmer und auf dem Gang getötet. Und die werden mit den beiden nicht fertig. Die eine rennt schreiend davon, die andere wird von einem Mörder festgehalten, bis der Wachdienst erscheint. Und die anderen sieben haben nur Däumchen gedreht, bis sie getötet wurden? Äh, ja. Und dann zückt der eine, der Shahrzard festhält, ein Messer. Wieso hat er sie nicht gleich erstochen, anstatt sie zuerst erwürgen zu wollen? Und als Shahrzard sich befreit hüpft er lachend und bereitwillig in Chalids Klinge und begeht Selbstmord. Was zur Hölle?? Wieso, wenn er sowieso bereit ist zu sterben, hat er Shahrzard nicht einfach umgebracht, anstatt sie als menschliches Schild zu benutzen? Die ganze Szene hat überhaupt keinen Sinn ergeben. Im selben Atemzug wird erklärt, dass das Wüstenvolk ist, das fürs Morden bezahlt wird, und keinen Herren im eigentlichen Sinne hat. Wieso zur Hölle sind die dann bereit, treu zu sterben, und ohne ihren Nichtherren zu verraten? Was wurde denen bezahlt??

Zur Hölle mit dieser Szene. Spannend wars aber.

Spoiler vorerst zu Ende.


Die Szenen mit Tarik fand ich auch viel zu abrupt gewechselt und dann langweilig bis nervig. Tarik hat sowieso keinen Sinn ergeben. “Hey, wir haben einen Kalifen, der dafür berühmt ist, seine Frauen umzubringen! Am besten belästige ich seine Frau ein wenig und tauche auch noch nachts auf ihrem Balkon auf, was wenn wir erwischt werden leicht als Affäre gedeutet werden könnte, das wird sicherlich keine Konsequenzen haben!” Kick den Typen einer mit nem Esel in den Arsch. Marty Stu, du heißt ab sofort Tarik.

Die Beschreibungen waren sehr bildhaft, was mich normalerweise nicht stört, im Gegenteil, aber DIESE Beschreibungen schon. Da hat jemand eine Stimme nach Honig und Rauch. Und ich dachte bis jetzt, ich bin die Königin der unpassenden Vergleiche. Das zieht sich durchs ganze Buch und passiert immer häufiger.


Spoiler, der sowieso keinen Sinn ergibt, wenn man das Buch nicht gelesen hat.

Ich hätte es einleuchtender gefunden, wenn Shahrzard am Anfang der Geschichte auf Musa getroffen wäre und damit die Idee bekommen hätte, Chalid Geschichten zu erzählen, wie es seine Mutter getan hat. So war es dann doch ein glücklicher Zufall, dass sie die Idee hatte. Das hätte auch noch eine nette Ebene des Verrats an Chalid gegeben, weil sie ihn besser kennt als er sie, ohne dass er es weiß.

Spoiler Ende.


Mir ist öfters so gewesen, als hätte die Autorin einfach eine neue Idee reingebracht, ohne die Geschichte anschließend in Ordnung zu bringen, auch wenn der Teil an einem anderen Platz viel mehr Sinn ergeben hätte.

Die Charaktere mochte ich, auch wenn sie keinen Sinn ergeben haben. (Wieso braucht eigentlich jeder einen frechen schlaksigen Sidekick und eine freche hübsche Freundin?)

Despina hatte wenigstens etwas Comicrelief, auch wenn ich nicht verstand, wie eine Sklavin sich herausnehmen kann, sich so zu verhalten. Aber sie hat das Buch schön aufgelockert.

Shahrzard, von der ständig gesagt wird, dass sie Charme hat, aber es bleibt beim sagen. Ich habe keine Ahnung, wie sie Chalid so bezaubert. Gegen Ende des Buches wird das wohl auch der Autorin klar, als Chalid sie als seelenverwandt bezeichnet. So kann man sich natürlich raus schreiben. Anstatt, na ja, eine ordentliche Liebesbeziehung zu schreiben.

Die Geschichten, die ihn so faszinieren sollen, werden dem Leser auch vorenthalten. Es heißt nur, dass Chalid jede Nacht zu ihr geht und sie ihm eine erzählt. Wenn sie sich also darüber kennen lernen und ihm das so an ihr gefällt… hat man als Leser die Arschkarte gezogen.


Spoiler zum Schluss voraus.

Echt jetzt. Lest nur weiter, wenn ihr den schon kennt.

Letzte Warnung.

Die Auflösung war auch sehr an die Wand geschrieben. Die erste Frau von Chalid hat wegen seiner Vernachlässigung Selbstmord begangen und die Lösung ihres Vaters ist natürlich… Chalid zu verfluchen, dass er 100 Frauen genauso töten muss denn sonst geht seine Stadt unter. Weil… ? Ich hab keine Ahnung. “Hey, bringen wir meinen Schmerz in 100 andere Familien, yay yolo!”

Wasn Scheiß ist das denn?

Dass die Stadt dann tatsächlich durch den Fluch eines anderen angepissten Vaters zerstört wurde, fand ich dann allerdings fast schon wieder poetisch. Eine selbsterfüllende Prophezeiung quasi.

Spoiler Ende.


Wieso hat in diesem Buch eigentlich keiner eine Mutter?

Dann widerspricht sich das Buch auch selber. Da meint Shahrzard, dass es eine Ernte vernichtende Dörre gab, von der wir natürlich zum ersten mal hören und deren Auswirkungen überhaupt nicht beschrieben wurden, und direkt auf der nächsten Seite heißt es, dass Chalids Berater eine Dörre für unwahrscheinlich halten. Hä? Hörst du dir selber zu, Buch? Entweder gibts da eine Dörre, oder eben nicht. Da keiner in dem Buch auf irgendetwas verzichten musste, gehe ich mal von nicht aus. Wodurch Shahrzards Satz mit der Dörre mal wieder so eine aus dem Arsch gezogene Idee der Autorin ist.

Genervt haben mich auch die ständigen arabischen Worte. Sie werden in der Geschichte selbst nämlich nicht erklärt, und oft musste ich das Buch beiseitelegen, um zu googeln, was sie bedeuten. Bis mich mal einer darauf gestoßen hat, dass am Ende des Buches ein Glossar versteckt ist. Nicht die Schuld der Autorin, sondern die vom Verlag, aber ehrenhalber erwähne ich es trotzdem. Wer schmeißt den zwischen die Karte und die Verlagsvorschau? Na ja. Lübbe offensichtlich. Wie das bei der E-Buch-Version funktioniert, kann ich mir allerdings nicht vorstellen.

Gut fand ich den Foodporn. Nichts wird in Sharhrzards Mund gelangen, ohne vorher mindestens in einem Absatz beschrieben zu werden.

Auch gut fand ich die Spannung, die das Buch hervorgerufen hat. Man möchte unbedingt weiterlesen und erfahren, was Chalids Geheimnis ist und kann dabei wunderbar spekulieren, weil einem immer wieder Brocken hingeworfen werden.

Das Ende war dann aber viel zu gehetzt. Als wäre die Autorin ans Ende ihres Papierstapels gekommen und hätte schnell einen Schluss hingekriegelt, bis sie einen neuen Stoß für Teil 2 bekommt.

Den ich natürlich nicht lesen werde. Genau wie Teil 3.

Nein. Einfach nein.


  • Ich habe das Buch kostenlos vonLovelybooks für eine Leserunde bekommen. Vielen Dank dafür.
  • Auch wenn ich schockiert war, wie viele Bewerber auf die Frage, wie sie Chalid überleben würden, “mit Sex” geantwortet haben.
  • Der nächste Teil kommt am 3. Mai raus und heißt The Rose and the Dagger.
  • Über die Vergewaltigung im Buch gibt es einen eigenen Blogpost:Wie viel Bad Boy ist zu bad?
  • Verlag: Lübbe / Putnam Juvenile.
  • Preis: 12,99€ fürs Ebook, 16,99€ für die gebundene Ausgabe.
  • 401 Seiten.
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18 Kommentare

    1. Nuja. Der Titel bezieht sich darauf, dass mir in der Leserunde geraten wurde, den Inhalt nicht auf die Goldwaage zu legen weils ein Märchen ist und dazu noch spannend.

      Ich denke, der Hinweis ist gar nicht so verkehrt. Mit 16 hätte ich das Buch gut gefunden. Nur jetzt, wo ich das Buch nicht nur lese sondern auch darüber nachdenke halt nicht.

      Wenn man sich nur von der Story berieseln lassen will ist es sicherlich ein nettes Buch. Aber so lese ich halt nicht sondern setze mich damit auseinander.Und dann kommt eben so eine Bewertung bei rum.

  1. Ich habe bisher nur richtig gute Meinungen zum Buch gelesen. Deine Rezension macht es nun wirklich spannend. Ich werde sicherlich an deine Worte denken, sollte ich es doch mal lesen 🙂
    Liebe Grüße,
    Anna

  2. Ich finde bei der ganzen Sache eigentlich am schlimmsten, dass ihre Idee ja überhaupt nicht neu, sondern .. positiv ausgedrückt… inspiriert von 1001 Nacht ist.
    Deine Rezi zu lesen war unterhaltend und schon beinahe witzig. Danke für deine Worte!

    1. Neuerzählugen stören mich nicht solange es kein komplettes Plagiat ist. Zumindest wenn sie dann auch gut geschrieben sind.

      Ernsthaft kann ich halt nicht.

  3. Hach, ich verstehe deine Kritik, aber mich hat das meiste überhaupt nicht gestört. Ich finde das Buch noch immer sehr gelungen, aber wenn du keine Liebesgeschichten magst, dann ist es natürlich nicht das richtige Buch für dich.

    1. Naja, an der Liebesgeschichte hatte ich ja am wenigsten rumzukritteln.

      Ich lese schon Liebesgeschichten, so ein bis zwei mal im Jahr. Ich suche sie mir bloß nicht gezielt aus und sie muss mir wirklich empfohlen worden sein.

      Das Buch an sich hätte in mein Beuteschema gepasst. Märchen, Orient, Neuerzählung… da kann ich auch über die Liebesgeschichte hinwegsehen. Wenns ansonsten gut ist. Aber dafür war es mir einfach zu wenig durchdacht.

      Wie gesagt, ich kann mir vorstellen, dass Teenager daran viel Freude haben werden. Nur über die Handlung darf man nicht zu viel nachdenken, sonst hat man ein Problem.

  4. Deine Rezension ist wirklich interessant. Ich habe jetzt schon ein paar Rezensionen zu diesem Buch gelesen. Jetzt sollte ich mir mal selbst eine Meinung bilden und es mir bei dem nächsten Besuch in der Buchhandlung besorgen 🙂

    Wenn du Lust hast kannst du mich gerne auf meinem Blog besuchen kommen. 😀

    LG

  5. Ich mag das Buch und einige Makel hat es schon. Trotzdem hatte es einen Unterhaltungsfaktor für mich, insbesondere durch diese bildhafte Sprache und dem besonderen Flair. Deswegen kann ich darüber hinweg sehen. Oder auch nicht drüber nachdenken. 😉

    Und tatsächlich musste ich mehrmals laut lachen bei deiner Rezension, weil ich sie wirklich gelungen & witzig finde! 🙂 Und ja, diese Makel, die du aufzeigst sind da. Ohne wenn und aber. Ich kann es so unterschreiben.

    Meine Rezension sieht trotzdem anders aus.^^°
    Aber das ist ja das Schöne an unterschiedlichen Empfindungen zu Geschichten etc blabla.

    Liebe Grüße!
    Rebecca

  6. Herrliche Rezension! Bin gerade über den letzten Beitrag der lieben Rebecca darauf gestoßen – da ist mir bisher ja was entgangen (ich bleibe dann mal als Follower, wenns Recht ist :-)). Ich finde, Du hast einen sehr interessanten Blickwinkel – und ich kann ihn absolut nachvollziehen, auch wenn ich das Buch komplett anders bewertet habe. Aber ich verstehe, wie Du es siehst – und das finde ich wahnsinnig spannend.
    Danke also für die ganz andere Perspektive, das hat Spaß gemacht zu lesen!

    Viele liebe Grüße
    Kati

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